Montag, 02 Juni 2014 11:56

Fahrbericht Lada Taiga 4x4: Russisch rustikal

Visitenkarte
Lada Taiga 4x4, 1,7 i, (2121 DE), zuerst als Lada Niva ab 1977 gebauter Allradler. 2011 wurde die Kombi-Limousine (wie seit jeher in Österreich) in „Lada Taiga" umbenannt und als Kleinserienfahrzeug ausgewiesen. Damit sind die strengen europäischen Sicherheitsbestimmungen (EuroNCAP) nicht bindend. Im Taiga gibt es beispielsweise keine Airbags.

Abmessungen/Gewicht
Länge/sreite/Höhe (Meter): 3,72/1,68/1,64
Leergewicht/zul. Gesamtgewicht (kg): 1.285/1.610
Max. Anhängelast (kg): 1.490
Gepäckraumvolumen: 263 bis 504 bzw. 982 Liter (bis Dachhimmel)
Tankinhalt: 42 Liter

Motorisierung/Getriebe
Motor: Vierzylinder-Benziner mit Multipointeinspritzung (Bosch), 1.690 ccm
Max. Leistung: 61 kW/83 PS bei 5.000 U/min
Max. Drehmoment: 129 Nm bei 4.000 U/min
Kraftstoffverbrauch nach NEFZ (kombiniert): 9,5 l/100 km
CO2-Emission: 225 g/km
Beschleunigung von null auf 100 km/h: 19 s
Höchstgeschwindigkeit: 137 km/h
Fünfgang-Handschaltgetriebe
Permanenter Allradantrieb, zuschaltbare Differenzialsperre und Geländeuntersetzung
Preis: ab 11.250 Euro (Basismodell)

Ausstattung
Dem Interieur eines Lada Taiga 4x4 ist keine andere Ambiente-Beschreibung abzugewinnen als die: Nostalgie plus Rauheit pur. Prinzipiell änderten daran auch die beiden Facelifts in einigen Details (1995, 2010) nichts. Man begegnet gewissermaßen einem fabrikneuen Oldtimer. Mit zeitgemäßen automobilen Maßstäben lässt sich der russische Allradler nicht bewerten. Reizvolles fürs Auge bietet das puristisch-rustikale Gesamtwerk nicht. Der Ehrgeiz, Erforderliches auch ein bisschen schön zu machen, fehlt völlig. Sichtbare Schrauben? - Warum nicht. Mehr davon gibt es bei Hornbach.

Nahezu alles ist anders als das, was man von zeitgemäßen Geländegängern kennt. Dementsprechend gewöhnungsbedürftig sind die Bedienungshandgriffe. Einfach reinsetzen und losfahren? - Besser nicht! Intuitiv lässt sich etwa die Zuordnung der scheinbar willkürlich im schlichten Cockpit verteilten Kippschalter eher nicht hinkriegen. Der Blick in die dürre Betriebsanleitung erweist sich im Grunde als unerlässlich. Wenigstens versöhnt das instruktive Lada-Motto: In der Kürze liegt die Würze! Mehr Anleitung muss auch gar nicht sein. Eine Wohltat, verglichen mit den immer umfänglicher werdenden Betriebsanleitungen, jenen dicken Info-Bibeln, die bei einigen Pkw-Modellen inzwischen einige Hundert Seiten umfassen. Die knappe Taiga-Lektion (auch zu Wartungsarbeiten) ist überschaubar und hilfreich.

Das Auto hat seine Eigenheiten. Vor jedem Neustart ist erst einmal die Wegfahrsperre zu löschen. Ein einfacher, anfangs nervender Handgriff. Gewöhnungssache. Am Ziel ist nach Abziehen des Mini-Zündschlüssels nicht zu vergessen, etwa benutztes Scheinwerferlicht über den entsprechenden Kippschalter wieder auszuschalten. Nichts piept und erinnert den Vergesslichen. Außer den beiden gut ablesbaren Rundinstrumenten (Drehzahlmesser, Tachometer) gibt es zwei kleine LCD-Anzeigen, eine für Gesamtkilometerstand plus Tageszähler, und die andere warnt ab plus 2 Grad Celsius vor gefrierender Nässe. Andernfalls werden wahlweise Uhrzeit oder Bordspannung angezeigt. Ein Bordcomputer, der den Verbrauchsdurchschnitt oder die Restreichweite ermittelt, gehört nicht zur Überwachungstechnik. Auch Tagfahrlicht, das sich beim Motorstart automatisch einschaltet, gibt es nicht, obwohl es als Ausstattungsmerkmal für den Taiga 4x4 ausgewiesen wird. Fehlanzeige ebenso in Sachen Zentralverriegelung. Beide Türen müssen ab- bzw. aufgeschlossen werden. Passend dazu: Die Außenspiegel sind von Hand einzustellen, die Scheiben der Türen per Kurbel zu bedienen. Hinten gibt es Schiebefenster, an der Heckscheibe immerhin einen Wischer und die dritte Bremsleuchte.

Und dann sind da ja noch die drei auffälligen Schalthebel, ein langer (für die Gangwahl) und zwei kurze; der eine für den Wechsel von der Straßen- auf die Geländeuntersetzung, der andere zum Zu- bzw. Abschalten der Differenzialsperre. Letztere ist nötig, wenn es in Sachen Vortrieb einmal besonders prekär wird. Ein elektronisches Stabilisierungsprogramm ist nicht an Bord, dafür aber ABS mit Bremsassistent. Das kann das Fehlen von Airbags natürlich nicht wettmachen. Ein leiser Piepton erinnert den Fahrer ans Anlegen seines Sicherheitsgurts.

Als optionale Sonderausstattung für den Taiga 4x4 (Testwagen) wird eine CD-Radioanlage (350 Euro, inklusive Teleskopantenne und je ein Lautsprecher in den beiden Türen) oder beispielsweise auch ein großer Dachgepäckträger (510 Euro) angeboten.

Platz- und Sichtverhältnisse
Der Übersicht übers Geschehen rund ums Auto dienen die Kürze des Allradlers und die hohe Sitzposition der Insassen. Vier Erwachsene, auch große, kommen gut unter. Zur spartanischen Rückbank mit geringer Lehnenhöhe gelangen Mitfahrer über die breite Fahrer- bzw. Beifahrertür. Dazu lassen sich die Lehnen der Vordersitze nach vorn klappen, die Sitze selbst nach vorn schieben. Sitze und Lehnen sind angenehm straff gepolstert. Als hilfreich beim Einparken rückwärts erweisen sich die großflächigen (abklappbaren) Außenspiegel. Zur Orientierungshilfe wird die Scheibe der Heckklappe, die das definitive Ende des Aufbaus markiert. Wegen des stattlichen Gewichts der Klappe ist bei deren Öffnen und Schließen Vorsicht geboten. Sie gibt bescheidenen Gepäckraum frei. Aus 263 Liter Fassungsvermögen können bei umgeklappter Rückbank 504 bzw. 982 Liter (bis Dachhöhe) werden. Ersatzrad und Wagenheber sind im Motorraum verstaut.

Motor, Kraftstoffverbrauch
Der 1,7-Liter-Vierzylinder unter der vorn (!) angeschlagenen Fronthaube beschert maximal 61kW/83 PS und 129 Newtonmeter Drehmoment. Der unaufregende Treibsatz, ein Zweiventiler, erfüllt mit Multipoint-Einspritzung von Bosch immerhin die Euro-5-Norm. Die Beschränkung auf ein 5-Gang-Handschaltgetriebe (mit extra langem Schalthebel) erklärt sich daraus, dass die höchste Kraftausbeute Motordrehzahlen zwischen 4.000 und 5.000 U/min verlangt. Die aber wollte die Antriebseinheit des Testwagens offensichtlich gar nicht gern hinnehmen. Je mehr Gas gegeben und schneller gefahren wurde, desto vernehmlicher drang ein Schleif- und Schabegeräusch aus Richtung Antriebsstrang in den Innenraum. Dabei wurden Gasgeben und Gaswegnehmen hörbar unterschiedlich „vertont". Es entwickeln sich Nebengeräusche, die sich mit dem Fahrkomfort anlegen. Auf den serienmäßigen Ist-Zustand eines jeden Taiga 4x4 müssen die weniger kultivierten Manieren des Testwagens aber nicht zwangsläufig schließen lassen.

Der kleine Allradler erreicht eine „amtliche" Höchstgeschwindigkeit von 137 km/h. Die Tachonadel zeigt bei geringem Fahrwiderstand aber auch schon mal deutlich mehr. In Limitnähe dröhnt es in der Kabine, als wollte ein Helikopter abheben. Erheblichen Anteil am auffälligen Rauschfaktor bei hohen Geschwindigkeiten hatte beim Testwagen offenkundig auch der (optionale) große Dachgepäckträger. Mit solchem Geweih erwiesen sich eher moderate 80 km/h als angenehme Reisegeschwindigkeit. Für anhaltend schnelle Autobahnfahrten ist der kleine russische Geländegänger einfach nicht konzipiert. Seine überzeugende Domäne ist seit jeher das Off-Road-Terrain höherer Schwierigkeitsgrade.

Der Kraftstoffdurst lässt sich erst mit zurückhaltendem Tempo unter 10 l/100 km halten. Forscher Fahrstil von einer Tankfüllung zur anderen bringt einen Verbrauchsschnitt zwischen elf und 12 Litern ein. In Russland guckt man eben weniger auf den Verbrauch, bewegt sich der Literpreis bei Super 95 dort doch im Mittel um 70 Euro-Cent.

Fahrverhalten
Der Umgang mit einem Taiga 4x4 profitiert immer wieder auch von seiner Kürze: 3,72 Meter! Dazu passen will allerdings nicht so recht der Wendekreis von elf Metern. Das Rangieren auf engem Raum erleichtern die hydraulisch unterstützte Servolenkung und das große Lenkrad.

Bootsbauer wissen: „Länge läuft." Also muss nicht überraschen, dass es der kurze Taiga mit der Spurtreue weniger genau nimmt. Dank seines allgegenwärtigen Allradantriebs erinnert das Fahrzeug selbst bei forschem Fahrstil nicht unbedingt umgehend ans fehlende elektronische Stabilisierungsprogramm. In seinem Element ist der Taiga erst abseits der Straße.

Das Fahrwerk wurde darauf ausgelegt, mit allen vorstellbaren Geländewidrigkeiten fertigzuwerden und mit Straßen allerletzter Ordnung. Vorn übernimmt eine stabile Einzelradaufhängung mit vier Querlenkern, Schraubenfedern und Stabilisator die Verantwortung, hinten wird eine Starrachse von vier Längslenkern geführt. Sie stützt sich über dicke Schraubenfedern an der Karosserie ab. Ein Panhardstab sorgt dafür, dass sich die Achse nicht nach links oder rechts verschieben kann. Garantiert wird eine Bodenfreiheit von 22 Zentimetern.

Einer, der es - wie sein Name sagt - mit der wegelosen Wildnis der russischen Taiga aufnehmen will, hat dank seiner Steigfähigkeit von 58 Prozent, eines Kippwinkels von 48 Grad und der Wattiefe von 65 Zentimetern gute Karten. Unterwegs begleitet immer die beruhigende Überzeugung, sich in jedes unberechenbare Gelände wagen zu können. Ein Taiga 4x4 fordert zu solchem Abenteuer irgendwie heraus. Ist das Profil des Terrains extrem steil oder extrem schlammig, machen die wahlweise Geländeuntersetzung und das sperrbare Differenzial den „russischen Jeep" schier unbesiegbar. Von vornherein von Vorteil im Gelände sind die sehr knappen Karosserieüberhänge und der kurze Radstand, weil sie Bodenkontakt vermeiden helfen. Vorn gibt es Scheibenbremsen, hinten Trommelbremsen.

Fazit
Der Allradler Lada Taiga kann und will nicht mit Hightech imponieren. Erklären lässt sich das erstaunliche Beharrungsvermögen dieses Dauerbrenners nicht nur auf dem heimischen russischen Automarkt damit, dass es eben gerade die durchgängige Einfachheit, die anerkannte Robustheit und die erstaunliche Geländegängigkeit dieses Allradlers sind, die das Interesse an ihm über Jahrzehnte hinweg bewahrten. Und natürlich weckt nicht zuletzt der moderate Preis eines Lada Niva/Taiga anhaltend Begehrlichkeit. (news2do.com/Wolfram Riedel)

Letzte Änderung am Montag, 02 Juni 2014 11:59