Freitag, 02 November 2012 09:15

Fahrbericht Citroën Berlingo Multispace: Reiseklasse

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Die seitlichen Schiebtüren erleichtern den Ein- und Ausstieg von Fondpassagieren vor allem in engen Parklücken. Foto: B. Riedel/Auto-Reporter.NET

 

Die Vorstellung, dass es sogar der Auftritt eines teuren, sportlich-schnittigen Autos vermag, dessen Besitzer zu adeln, ist nicht von gestern. Daran glaubt mancher noch immer. Herangewachsen aber ist eine Autokäufer-Klientel, die durch und durch pragmatisch denkt und handelt. So kommt es, dass sich eine „hochstämmige“ Karosseriekontur, an der einst lediglich etwa Handwerker Gefallen fanden, längst als besonders familien- und reisetauglich erkannt wurde. Citroëns Berlingo Multispace ist solch ein Typ. Zu erwehren hat er sich gleich mehrerer Konkurrenten, denn Automobilhersteller machen markenübergreifend vergleichbare Angebote. Offenbar drängen ausgesprochene Famlienautos in der Beliebtheitsskala anhaltend nach oben. Überzeugende Gründe dafür legte der Testwagen offen.

Sympathisches Raumgefühl
Der Beiname „Multispace“ steht offensichtlich zuerst für Großzügigkeit, die sich am und im Auto entdecken lässt. Für den Berlingo werben zuerst seine Nutzungsvielfalt und sein Raumangebot. Der Nachfahre jenes Hochdachkombis, der einst zuerst von Citroën eingeführt wurde, lässt der Automobilität viel Spielraum. Innenraumhöhe und -breite der Berlingo-Karosserie vertreiben bei den Insassen von vornherein jedes Engegefühl. Dazu tragen auch die hohe Sitzposition und der lichtdurchflutete obere Bereich dank verglaster Dachflächen bei. Diese durchdachte Kombination mit einer Vielzahl von Ablagemöglichkeiten „über Kopf“, individuellen Lüftungsdüsen und Lichtquellen taufte Citroën auf den eigenwilligen Namen „Modutop.

Start-Stopp – lautlos
Weil wir gerade bei einer Namensgebung sind: Das kleine „e“ vor der Motorbezeichnung (e-HDI) weist auf die angewandte (Mikro-Hybrid-)Technologie der Marke hin, die Motoren besonders sparsam macht. Ein innovatives, lautloses Start-Stopp-System per umkehrbaren Alternator stoppt den Motor bei stillstehendem Fahrzeug oder schon in deutlichen Verzögerungsphasen und sorgt für blitzschnellen ruckelfreien Neustart.

Ein Berlingo sichert jedem Insassen seinen Platz, d.h., im Fond gibt es keine Bank, sondern drei Einzelsitze, die sich demzufolge bei Bedarf einzeln vollständig umklappen und gegen die Vordersitzlehnen kippen lassen. Das ist in wenigen Sekunden erledigt. Neben dem Fünfsitzer (Testwagen) gibt es den Berlingo auch mit sieben Sitzen.

Das Einzelsitzkonzept im Fond verlangte Abstriche von der Breite der Sitzfläche. Bequemes Sitzen ist dennoch gewährleistet. Erwachsene wünschten sich etwas mehr Schenkelauflage; auch bei den Vordersitzen. Die eher weich aufgepolsterten Randzonen der Sitzflächen und -lehnen (Stoffbezug) geben bei flotter Fahrt mit zügigem Richtungswechsel mehr psychologischen als tatsächlichen Halt. Ein Berlingo Multispace will kein sportlicher Kurvenjäger sein.

Häufiges Schalten weckt Temperament
Dem stünde schon der hohe Karosserieaufbau entgegen. Und motorisiert wie der Testwagen e-HDi 90 fehlt es auch an Temperament. 92 PS machen selbst einen Turbodiesel mit 230 Newtonmeter maximalem Drehmoment lediglich zu einem bescheidenen Kraftquell für ein Gefährt, dessen Gesamtgewicht etwas mehr als zwei Tonnen betragen darf. Um im Auf und Ab einer bergigen Region zügig voranzukommen, sind dem Turbodiesel einfach höhere Drehzahlen abzuverlangen. Vom Fünfganggetriebe muss reichlich Gebrauch gemacht werden (es gibt eine Gangwechselanzeige für gefühlsarme Fahrer). Sogar der zweite Gang kommt gelegentlich bei steilen Passagen für ein paar Meter zu Ehren.

Trotz Dieselmotor – wohltuende Ruhe im Innenraum
In solchen Fahrphasen verblüfft erst recht, dass ein e-HDi 90 den Insassen so gut wie keine dieseltypische Geräuschkulisse beschert. Angesichts der imponierenden Laufruhe dieses Motors und der offensichtlich effizienten Schallisolierung neigt man glatt dazu, dem Triebsatz zu verzeihen, dass seine 92 PS in der Auseinandersetzung mit Fahrzeuggesamtmasse und Straßensteigungen schnell an ihre Grenzen stoßen.

Vorzeigbare Verbrauchsdurchschnitte
Eine Erkenntnis, die zum Kraftstoffverbrauch des Testwagens überleitet. In dessen gesamter Einsatzzeit (auch in bergiger Gegend) ergab sich ein Verbrauchsdurchschnitt von 7,5 l/100 km. Bei zügigem Fahren über Bundesstraßen mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit um 60 km/h stellte sich regelmäßig ein Verbrauch um 6,5 l/100 km ein. Und während schnelle Autobahnfahrten bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit nahe 140 km/h (!) mit 9,4 l/100 km bezahlt werden müssen, ist reine Stadtfahrt mit 5,7 l/100 km zu bewältigen. Der amtliche Durchschnittsverbrauch (4,9 l/100 km) war wegen des hohen Anteils schneller Autobahnfahrten von vornherein ein unerreichbarer Wert.

Kein Kurvenjäger
Federung und Dämpfung jedes Autos werden nicht zuletzt von der zulässigen Zuladung beeinflusst. Beim Berlingo ist das nicht anders. Während das Fahrwerk seine Arbeit im Allgemeinen unauffällig verrichtet, fühlt es sich bei vollgepacktem Auto (466 kg mögliche Zuladung) eher zu weich an. Das signalisiert auch die Neigung des Aufbaus.
In vier Ausstattungen ist der Berlingo Multispace zu haben. Der Testwagen („Selection“) punktete u.a. mit Navigation My Way (7-Zoll-Farbdisplay), Bluetooth-Freisprecheinrichtung plus Connecting Box (CD/ MP3, Verkehrsfunk), automatischer Zweizonen-Klimaanlage, Parksensoren am Heck und elektrisch abklappbaren Außenspiegeln. Das äußere Bild prägten u.a. Nebelscheinwerfer, LED-Tagfahrleuchten, Dachreling.

Voller pfiffiger Ideen
Die große Nummer eines Berlingo Multispace ist und bleibt seine durchdachte, auf gesammelten Erfahrungen basierende Ausstattung. Die beeindruckende Vielfalt pfiffiger Ablagen lässt fast zweifeln, dass alles irgendwo Verstaute auf Anhieb wiedergefunden wird. „Witzige“ Ablagen gibt es im Fußraum der Fondpassagiere und im Dachbereich; dort mit Zugang auch über die hochklappbare Scheibe der Hecktür. Griffbereit liegen kann etwa der Autoatlas in einer der Ablagen über den Köpfen von Fahrer und Beifahrer. Auch Kleinigkeiten zählen: Die Ablagemulde im Armaturenbrett vor dem Beifahrer ist abgeschrägt. So kann dort Deponiertes bei „Turbulenzen“ nicht den Weg nach unten nehmen. Und: Das Staufach in der Mittelkonsole ist groß genug, um darin selbst zwei 1,5-Liter-Wasserflaschen nahezu ganz verschwinden zu lassen. Erwähnt werden muss, dass es natürlich die beiden Nottasten gibt, über die im Falle eine Unfalls oder eines Technikproblems Hilfe angefordert werden kann.

Der Berlingo Multispace zählt zu der besonderen Pkw-Kategorie, die als Reiseklasse bezeichnet werden könnte. Mit einem solchen Auto unterwegs zu sein, heißt, jede Menge Annehmlichkeiten zu erfahren. Sie weiß besonders zu schätzen, wer sich auf längere Erlebnistouren begibt. Ein Auto soll zuerst von A nach B bringen. Aber es kann – wie ein Berlingo Multispace erleben lässt – gleichzeitig ein angenehmer, vergnüglicher Aufenthaltsort sein. (Auto-Reporter:NET/Wolfram Riedel)

Daten Citroën Berlingo Multispace iHDi 90:

Länge x Breite x Höhe (Meter): 4,38 x 1,81 x 1,80
Motor (Bauart, Hubraum): Vierzylinder-Common-Rail-Turbodiesel, 1.560 ccm
Max. Leistung: 68 kW/92 PS
Max. Drehmoment: 230 Nm bei 1.750 U/min
Kraftstoffverbrauch (nach NEFZ, kombiniert): 4,9 l/100 km
CO2-Emission: 129 g/km
Höchstgeschwindigkeit: 163 km/h
Beschleunigung 0–100 km/h: 16,3 s
Leergewicht/zul. Gesamtgewicht (kg): 1.581/2.070
Gepäckraum/umgeklappte Fondsitze (Liter): 675/2.650
Grundpreis: 21.230 Euro
Preis des Testwagens: 24.060 Euro

Letzte Änderung am Freitag, 09 November 2012 13:03